Familie Tran

Eine Familie zäh wie Bambus

DIE GESCHICHTE DER VIETNAMESISCHEN FLÜCHTLINGSFAMILIE TRAN

Dieser Bericht wurde am 21.12.2005 vom Thuner Tagblatt geschrieben und veröffentlicht.

Vietnam, 1975: Der Krieg ist zu Ende. Die kommunistischen Truppen aus dem Norden haben die Armee des Südens besiegt und die Streitkräfte der USA aus dem Land geworfen. Die neuen Machthaber beginnen, das Land nach ihren Vorstellungen umzubauen. Für die Familie von Vater Tu Hai und Mutter Khanh Tran beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Sie sehen sich plötzlich mit ganz neuen Verhältnissen konfrontiert. Nicht zum ersten Mal: Die beiden sind während des Zweiten Weltkriegs mit ihren Eltern aus China nach Vietnam geflüchtet und haben es in Saigon, der Hauptstadt des Südens, zu einigem Wohlstand gebracht. Dank Fleiss und eisernem Arbeitswillen besitzen sie Land und Häuser, handeln mit Lebensmitteln und Stoffen. 1975 sind die Waffen verstummt, doch die Trans blickten pessimistisch in die Zukunft.

Die Odyssee beginnt

Ins Boot einsteigenZuerst verlieren sie ihr Land. Sie werden schikaniert und schleichend enteignet. Die Kommunisten setzen die Wohlhabenden im besiegten Süden unter Druck, ihre Geschäfte aufzugeben und als Bauern zu arbeiten. Die älteren Söhne der Trans werden eingezogen und im Krieg gegen Kambodscha eingesetzt oder landen im Gefängnis. Anfang 1979 ist für die Familie Tran das Mass voll: Sie entschliessen sich zu flüchten. Eine Odyssee beginnt, die eineinhalb Jahre später in Thun enden sollte.

 

 

Von Piraten überfallen

Neffe«An einem Abend haben wir unsere restliche Habe zusammengepackt und sind alle zusammen an Bord eines Schiffs gegangen», erinnert sich Phuc Tran, damals achtjährig und heute Geschäftsführer des Restaurants Eurasia in Thun. Vater, Mutter, Brüder und Schwestern, Grosseltern, Tanten, Cousins und Cousinen … der ganze Tran-Clan kehrt der Heimat den Rücken und bricht ins Ungewisse auf. Sie sind nicht die einzigen: Zu Tausenden flüchten die Menschen in jenen Tagen aus Vietnam, zusammengepfercht auf Booten. «Auf unserem Boot das nur gerade 24 Meter Länge und 6 Meter Breite hatte waren gegen 500 Leute», erzählt Phuc. «Wir sassen am Boden, Schulter an Schulter.» Die Flüchtlinge verbrachten 14 Tage auf diesem engen Boot. Nach fünf Tagen werden sie von Piraten überfallen. Die Banditen rauben den Flüchtlingen die letzten Ersparnisse, die sie vor den Kommunisten gerettet haben. Sie rauben ihnen auch die Hoffnung, mit den Resten ihres Vermögens an einem sicheren Ort eine neue Existenz aufbauen zu können. Weil die Piraten ihnen auch den Kompass gestohlen haben, konnte sich der Kapitän nur noch an der Sonne orientieren, was natürlich sehr schwierig war. Zwei Tage nach dem Überfall setzten plötzlich ganz unerwartet bei der Schwester von Phuc, die im Achten Monat schwanger war, die Wehen ein. An Bord war nur eine junge Krankenschwester die nicht viel Erfahrung hatte. Kurzerhand haben dann Mutter und Grossmutter der Tran’s dem kleinen Jungen auf die Welt geholfen. Mutter und Kind waren wohlauf. Heute lebt der Mann in Paris und ist glücklich verheiratet.

Die erste Atempause

Camp in MalaysiaDann geht den Menschen auf dem Boot das Wasser aus. Mutter Khanh Tran bereitet die Instant-Nudelgerichte, die ihnen noch geblieben sind, mit Meerwasser zu und füttert die Kinder. Die bedrückende Situation auf dem Boot hat leider auch ein Todesopfer gefordert. Eine alte Frau, die jedoch nicht zur Familie Tran gehörte, ist an einem Herzstillstand gestorben. Nach etwa zwölf Tagen, die ihnen wie eine Ewigkeit vorkommen, sehen sie endlich wieder Land: eine zu Malaysia gehörende Insel mit einem Flüchtlingslager. Doch das Lager ist schon übervoll. Das Boot der Flüchtlinge wurde von den Leuten in Malaysia sogar mit Steinen beworfen. Sie mussten eine Nacht dort ausharren weil das Boot wegen der Ebbe im Sand steckengeblieben war. Am nächsten Morgen wurden von der Armee noch weitere 40 Flüchtlinge auf das ohnehin schon überfüllte Boot gepackt und bis nach Indonesien geschleppt. Endlich dürfen sie an Land gehen und werden in einem Lager aufgenommen. Auch hier leben schon Tausende unter spartanischen Bedingungen. Doch für den kleinen Phuc ist es ein Paradies: «Urwald, Riffe, Fische, unberührte Natur – es sah aus wie in einem Ferienprospekt.»

50 Dollar in der Bluse

Auf dem BootDank der Voraussicht von Mutter Khanh stehen die Trans nicht ganz mittellos da. Sie hatte vor der Flucht 50 Dollar in ihre Bluse eingenäht und damit vor den Piraten gerettet. Damit baut sich die Familie eine neue Existenz auf: Von einem einheimischen Handwerker lassen sie sich ein Strohhaus errichten und eröffnen mit dem Rest ein kleines Strassenrestaurant. Die zwei ältesten Söhne fällen Bäume und verkaufen das Holz an Flüchtlinge, die nicht von Piraten ausgeraubt wurden. Ein Jahr bleiben Trans in diesem Lager. Dann werden sie von den indonesischen Behörden auf eine andere Insel ins nächste Flüchtlingslager weitergeleitet.

Schweiz bietet Asyl an

Nun können die Trans Wünsche anbringen, in welches Land sie reisen, wo sie Asyl beantragen möchten. «Wir nannten die USA und Australien, weil in diesen Ländern bereits Verwandte von uns lebten», blickt Phuc Tran zurück. Eines Tages taucht ein Vertreter der Schweiz auf und bietet der Familie Asyl an. Sie haben den Namen dieses Landes noch nie gehört, wissen nicht, wo es liegt und wie es dort aussieht. Aber sie sagen zu. Ihre Flucht hat bereits zu lange gedauert, sie haben Angst, auf ewig in diesem Lager bleiben zu müssen, wenn sie jetzt nicht die Chance beim Schopf packen.

«Da habt ihr Glück!»

Auf dem BootDie Reise geht weiter in die indonesische Hauptstadt Jakarta. Dort sitzen sie für weitere vier Monate fest. Schliesslich der grosse Tag: Die elfköpfige Familie Tran besteigt ein Flugzeug Richtung Schweiz. Noch immer haben sie keine Ahnung, in welcher Ecke der Welt sich dieses Land befindet und was sie dort erwartet. In Singapur gibt es eine Zwischenlandung. Andere Asiaten steigen zu und unterhalten sich mit den Trans: «Wo fliegt ihr hin?» - «In die Schweiz.» - «Zu welchem Zweck?» - «Um dort zu leben.» - «Da habt ihr aber grosses Glück!» Zum ersten Mal dämmert der Familie, dass sie sich wohl richtig entschieden haben. Wieder bei Kommunisten? Mit etwa 50 Landsleuten landen sie im Mai 1980 in Zürich und werden mit schweizerischer Gründlichkeit in Empfang genommen: In einer Zivilschutzanlage müssen sie ihre Kleider abgeben und werden von Kopf bis Fuss desinfiziert. Sie duschen und bekommen neue Kleider. «Ich erhielt meine erste Unterhose», ist Phuc Tran in Erinnerung geblieben. «Für mich symbolisierte dieses Kleidungsstück: ‘Jetzt hast Du’s geschafft!’ Denn in Vietnam trugen nur die wirklich gut Situierten Unterwäsche.» Neu eingekleidet, begibt sich die Flüchtlingsgruppe zu Tisch. Um die Vietnamesen nicht allzu abrupt mit der Schweizer Küche bekannt zu machen, tischen ihnen ihre Betreuer ein Riz Casimir auf. Die Trans haben zum ersten Mal seit ihrer Flucht wieder Fleisch auf dem Teller. Per Bus geht es in ein Durchgangszentrum in Selzach/SO. Um den Vietnamesen ihre neue Heimat zu zeigen, fährt der Chauffeur nicht auf der Autobahn, sondern über Land: Sie sehen Äcker und Felder, Kühe auf der Weide und kleine Bauerndörfer. Der Anblick ist für viele von ihnen ein Schock: Ob der ganzen Landwirtschaft meinen sie, schon wieder in einem kommunistischen Land zu sein. Der Dolmetscher in Selzach kann das Missverständnis schliesslich klären. Er, ebenfalls ein Vietnamese, gibt ihnen Deutschunterricht und vermittelt ihnen die ersten Informationen über ihre neue Heimat.

Die Odyssee ist zu Ende

Nach drei Monaten schliesslich eine letzte Reise, und die Odyssee der Trans ist zu Ende: Frutigenstrasse 30 A, Thun, lautet ihre neue Adresse. Ein Haus für sie allein, mit einem Garten und grossen Tannen. Freiwillige kümmern sich im Auftrag des Roten Kreuzes um die Familie. In den ersten drei Monaten werden die Neuankömmlinge von A bis Z unterstützt. Dann finden die älteren Arbeit bei der Dosenfabrik Hofmann und in der Schuhhandlung Lienhard, während die jüngeren zur Schule gehen. Sie werden zwar immer noch betreut, stehen nun aber finanziell wieder auf eigenen Füssen.

Es geht aufwärts

Familie TranDie Kinder finden sich in ihrer neuen Umgebung schnell zurecht und werden von ihren Schulkameraden akzeptiert. Mit ihrem exotischen Äusseren und den Kleidern, die nicht unbedingt der neusten Mode entsprechen, ziehen sie zwar die Blicke auf sich. Aber alles in allem verläuft ihre Integration problemlos. Sie beenden die obligatorische Schulzeit, machen Berufslehren und stehen mit beiden Beinen auf dem Boden. Mit dem sprichwörtlichen Fleiss der Asiaten arbeiten sie sich wieder nach oben und werden nach und nach eingebürgert. Doch 1985 ziehen Wolken über der Familie auf. Vater Tu Hai Tran, der zweimal vor dem Krieg geflüchtet ist, den die Strapazen ihrer Irrfahrt um die halbe Welt zu sehr mitgenommen haben, wird krank. Er erleidet einen Hirnschlag, ist halbseitig gelähmt und stirbt drei Jahre später. Von nun steht Mutter Khanh Tran im Zentrum des Clans, der immer grösser wird und heute rund 30 Frauen, Männer und Kinder umfasst.

Das Geheimnis? «Schaffe!»

Klettern1997 eröffnet die Familie in Thun ihr erstes Restaurant an der Marktgasse. Sie nennen es Tran’s, zu Ehren des verstorbenen Vaters. Später kommt das zweite an der Oberen Hauptgasse hinzu: Zuerst führen sie es als «Güggelihaus Tell», dann stellen sie auf thailändische Küche um und ändern den Namen in «Eurasia.» Vor einem Vierteljahrhundert waren sie noch mausarme «Boat-People» (wie man die Vietnam-Flüchtlinge damals nannte), heute haben sie zwei Restaurants. Was ist das Geheimnis ihres Erfolgs? «Schaffe», antwortet der «Eurasia»-Geschäftsführer, den man in Thun unter dem Namen Phugi kennt, mit einem verschmitzten Lächeln. Dazu gehöre auch, dass immer wieder Familienmitglieder in den Restaurants in Küche und Service mithelfen. Denn das Überleben der zwei Betriebe sei für die Trans eine Frage der Ehre. Schliesslich sind sie tief im Herzen immer noch Asiaten, für die der Zusammenhalt in der Familie so wichtig ist wie die Luft zum Atmen.

Der Schweiz dankbar

Vor sechs Jahren besuchte Phuc Tran zum ersten Mal seine alte Heimat wieder. In den Gässchen von Saigon (heute Ho-Chi-Minh-Stadt) traf er Leute, die sich noch an ihn erinnerten. «Ich fühlte mich von ihnen nicht akzeptiert und merkte, dass ich nicht mehr nach Vietnam gehöre.» Ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber seiner neuen Heimat durchströmte ihn: «Ich dachte: Gottseidank hat uns die Schweiz damals aufgenommen!»